Harter Brexit: Mögliche Auswirkungen für Industrie & Handel

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Ein harter Brexit ist genau jenes Schreckensszenario, das Wirtschaft und Politik verhindern wollen. Welche Folgen hätte es, wenn sich Brüssel und London nicht einigen können?

Harter Brexit: Was heißt das?

Ob Handelsblatt, Spiegel, FAZ oder Wirtschaftswoche, ende des vergangenen Jahres waren die Zeitungen voll mit Berichten zu einem echten Schreckensszenario. Eines, das angesichts der jüngsten Entwicklungen durchaus möglich scheint , ein harter Brexit. Denn die EU und die Regierung in London kamen zuletzt nicht mit ihren Verhandlungen voran. Die wichtigste Frage ist,  wie gestaltet sich der Austritt der Briten aus der EU im März 2019?  Zwei Möglichkeiten gibt es.

Möglichkeit eins: Ein unkontrollierter, harter Brexit.

In diesem Fall käme es zum Bruch mit Brüssel. Großbritannien wäre dann ein Drittstaat wie z.B. Kanada oder Australien. EU-Bürger bräuchten eine Arbeitserlaubnis für Großbritannien. Außerdem drohen hohe Zölle auf Dienstleistungen und Waren.

Die britische Premierministerin Theresa May möchte raus aus der EU, dem Binnenmarkt und der Zollunion. Sie will stattdessen die Beziehungen über ein Freihandelsabkommen neu regeln. Experten gehen davon aus, dass ein solcher harter Brexit eine mindestens zehnjährige Phase der Verhandlungen nach sich ziehen würde, in der London mit allen 27 Mitgliedsstaaten die nötigen Gesetze und Abkommen aushandeln müsste.

Experten gehen davon aus, dass ein solcher harter Brexit eine mindestens zehnjährige Phase der Verhandlungen nach sich ziehen würde. (#01)

Experten gehen davon aus, dass ein solcher harter Brexit eine mindestens zehnjährige Phase der Verhandlungen nach sich ziehen würde. (#01)

Die Chancen für einen weichen Brexit

Ein weicher bzw. sanfter und damit kontrollierter Ausritt aus der EU, würde Großbritannien nach dem Ausscheiden aus dem Staatenbund dennoch eine enge Anbindung an Brüssel sichern. Das Ziel der Befürworter eines weichen Ausscheidens ist weiterhin zum europäischen Wirtschaftsraum (EWR) zu gehören. Drei andere europäische Staaten gibt es, die aktuell nicht zur EU, aber zum EWR gehören:

  • Norwegen
  • Island
  • Liechtenstein

Der große Vorteil: Den Staaten wird der volle Zugang zum EU-Binnenmarkt gewährt.

Somit ist unbeschränkter Handel mit den EU-Mitgliedern möglich. Ebenso gibt es einen gemeinsamen Zolltarif nach außen sowie die Möglichkeit, in jedem Land der EU arbeiten und wohnen zu dürfen auch ohne Arbeitserlaubnis.

Genau diese Privilegien könnten auch die Briten genießen, vorausgesetzt man einigt sich. Im Gegenzug müsste man seinen Beitrag zum EU-Haushalt leisten und allen Bürgern der EU erlauben, auf der Insel zu leben und zu arbeiten. Und die Briten müssten einen großen Teil der EU-Gesetze übernehmen.

Warum droht ein harter Brexit?

Es droht ein Scheitern der Verhandlungen und damit ein Austritt Großbritanniens ohne Vertrag. In diesem Fall gäbe es auch keine Übergangs- und Anschlusslösungen mit den 27 Mitgliedsstaaten der EU. Ein harter Brexit ist nach aktuellem Stand deshalb so wahrscheinlich, da sich die beiden Parteien (EU und London) bei ihren Gesprächen nicht einigen können. Es herrscht Stillstand. Die Forderungen passen nicht zusammen.

May will vor allem den unkontrollierten Zuzug von EU-Bürgern nach Großbritannien verhindern. Genau das wäre aber eine der Bedingungen, möchte man nach dem Austritt weiterhin zum EU-Binnenmarkt gehören. Befürworter des weichen Brexit argumentieren zudem damit, auch künftig Teil der Zollunion zu sein. Bedingungen sind unter anderem keine eigenen Handelsverträge mit Nicht-EU-Ländern.

Auch das wollen die Briten nicht akzeptieren. Das Dilemma: die britische Politik will ähnliche Regelungen wie bisher, damit sich für die Menschen und die Unternehmen möglichst wenig ändert. Allerdings wollen sie bei den strittigen Themen „Handel“ und „Migration“ eigenständig entscheiden. So unsicher die weiteren Entwicklungen der Gespräche, so sicher scheinen die negativen ökonomische Folgen, falls es zu keiner Einigung kommt. Gerade für Deutschland.

Theresa May will vor allem den unkontrollierten Zuzug von EU-Bürgern nach Großbritannien verhindern. (#02)

Theresa May will vor allem den unkontrollierten Zuzug von EU-Bürgern nach Großbritannien verhindern. (#02)

Die Folgen für die deutsche Wirtschaft

Im Oktober berichtete die FAZ in einem Artikel von den möglichen drastischen Konsequenzen für die deutsche Wirtschaft. Auch der Industrieverband BDI warnt davor. Er empfiehlt Deutschen, die in Großbritannien leben und arbeiten, entsprechende Vorkehrungen zu treffen.

Und auch deutsche Firmen mit Standorten auf der Insel, „müssen nun Vorsorge für den Ernstfall eines sehr harten Ausscheidens treffen“, wie es Joachim Lang, Hauptgeschäftsführer des BDI, formulierte. Die folgenden Punkte verdeutlichen, wieso ein harter Brexit gerade auch die hiesige Wirtschaft so sehr treffen würde:

  • Großbritannien ist für die deutsche Wirtschaft der drittwichtigste Exportpartner
  • Das bilaterale Handelsvolumen betrug zuletzt 170 Milliarden Euro pro Jahr
  • Deutsche Firmen beschäftigen ca. 400.000 Mitarbeiter an ihren britischen Standorten

Und schon in jüngster Zeit zeigte sich ein anderer, verheerender Trend. Denn seit sich die Briten für einen Ausstieg aus der EU entschieden haben, fällt es deutschen Firmen immer schwerer, Fachkräfte auf die Insel zu locken. Zu ungewiss ist, wie deren Status als EU-Bürger ab März 2019 sein werde. Die Fachkräfte entscheiden sich daher meist für Arbeitsplätze in den anderen EU-Staaten.

Harter Brexit: Ein Sektor ist hart betroffen

Ein harter Brexit hätte vor allem für eine Branche, die deutsche Autoindustrie, verheerende Auswirkungen. Denn die Fahrzeuge von Autobauern wie BMW, Mercedes, Audi und VW sind seit Jahren in Großbritannien enorm begehrt. Nach China und den USA ist das Land der drittgrößte Auslandsmarkt für die deutsche Autoindustrie. Jedes siebte in Deutschland produzierte Auto wird auf die Insel exportiert.

So hat allein BMW 2016 fast 240 000 Autos in Großbritannien verkauft – mehr als 10 Prozent des weltweiten Absatzes. Ähnliche Zahlen bei der Konkurrenz. Bei Audi sind es neun Prozent des Absatzes, bei Mercedes acht und beim Wolfsburger Konzern VW sechs. Kommt es bis zum geplanten Austritt nicht zu einer Einigung zwischen den Briten und Europa, drohen diesen Konzernen Milliardenverluste.

Einige Fachleute, darunter der Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer, Martin Weber, malen ein düsteres Bild. In einem Welt-Artikel vom November 2017, prognostizierte er über 2,3 Milliarden Euro an zusätzlichen Zollkosten für BMW, VW und Co. Hinzu kommen noch die Probleme die sich für jene deutsche Firmen ergeben, die Standorte in Großbritannien haben. So z.B. auch der Münchener Autobauer BMW, der dort vier Produktionswerke unterhält.

Ein harter Brexit hätte vor allem für eine Branche, die deutsche Autoindustrie, verheerende Auswirkungen. (#03)

Ein harter Brexit hätte vor allem für eine Branche, die deutsche Autoindustrie, verheerende Auswirkungen. (#03)

Weitere betroffene Wirtschaftszweige

Ein harter Brexit betrifft aber nicht nur die großen Konzerne und milliardenschweren Unternehmen. Auch mittelständische deutsche Unternehmen müssten mit Zusatzkosten rechnen, wenn Großbritannien aus dem Binnenmarkt fällt und die Zollunion verlässt. Ein harter Brexit hätte zur Folge, dass deutsche Firmen, wollen sie Waren auf die Insel exportieren, weitere Zulassungsverfahren durchlaufen müssten.

Diese Prozesse sind zeitaufwendig und kosten Geld. Die künftige Zollabwicklung wäre mit erheblichem bürokratischem Aufwand verbunden, die Bereitschaft für Investitionen würde sinken.

Auch bei vielen Unternehmen aus der Maschinenbau- und die Pharmaindustrie. Der Grund: etwa neun Prozent aller deutschen Ausfuhren nach Großbritannien, entfallen auf den Maschinenbau. Ähnliches bei der Chemie- und Pharmabranche.

2016 handelte es sich bei 6,3 Prozent aller Exporte nach Großbritannien, um pharmazeutische Erzeugnisse. Bei den chemischen Erzeugnissen waren es 5,3 Prozent. Scheiden die Briten ungeordnet aus der EU aus und scheitern die Verhandlungen zum Folgeabkommen, drohen den deutschen Pharma- und Chemie-Unternehmen Zölle von rund 200 Millionen Euro im Jahr.

Ein „harter“ Brexit hätte schlimme Folgen für britische Wirtschaft

Und letztlich hätte ein harter Brexit auch für die britische Industrie, den Handel und die Bürger fatale Konsequenzen. Denn auch die britischen Firmen wären natürlich vom Binnenmarkt Europas abgeschnitten. Außerdem würden Handelsbeziehungen europäischer und britischer Firmen, die über Jahre mühsam aufgebaut wurden, gekappt. Scheitern die Verhandlungen zu einem Brexit-Abkommen, drohen den Briten u.a.

  • steigende Preise für Nahrung, Kleidung und den Transport von Waren bzw. Artikeln,
  • jedem Privathaushalt Mehrausgaben von 260 Pfund im Jahr (ca. 292 Euro).

Die Zahlen beruhen auf einer Studie von Wissenschaftlern der Universität Sussex, die im Herbst 2016 vorgestellt wurden.

Hintergrund:  Kommt es zu keiner Einigung, will die britische Politik nach dem Austritt Zölle auf importierte Waren erheben.


Bildnachweis:© Shutterstock – Titelbild: shockfactor.de – #01: AlexLMX – #02: Frederic Legrand – COMEO – #03: Goran Jakus

Über 

Klaus Müller-Stern (25) studiert aktuell Maschinenbau, beschäftigt sich daneben jedoch schon lange mit allen Aspekten rund um Selbstständigkeit und Unternehmensgründung. Eloquent und scharfsinnig bringt er Themen wie Social Media oder den Finanzsektor auf den Punkt. Darüber hinaus blickt der passionierte Laufsportler in seinen Beiträgen hinter die Kulissen erfolgreicher Startup-Firmen.

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