Karriere im Familienunternehmen: Segen oder Fluch

0

Familienunternehmen als Arbeitgeber? Zu schlecht bezahlte Jobs, wenig Aufstiegschancen, eingefahrene Hierarchien – so die gängigen Vorurteile. Mit der Praxis haben diese nichts mehr gemeinsam.

Karriere im Familienunternehmen: Der Weg nach oben

Ein Familienunternehmen muss weder nur aus wenigen Personen – natürlich überwiegend Familienmitglieder! – noch aus vorgegebenen Karrierewegen bestehen. Moderne Unternehmen zeigen, dass die Jobs im Familienbetrieb durchaus abwechslungsreich sind und dass sich selbst große Konzerne als Familienfirmen sehen. So auch zu sehen bei jedem Karrieretag, der für angehende Berufstätige, für Studenten oder Menschen, die sich neu orientieren wollen, angeboten wird.

Der wohl größte Unterschied zu vielen anderen Firmen besteht darin, dass sich in so manchem Familienunternehmen der Vorstand wirklich dafür interessiert, wie die Mitarbeiter mit ihren Projekten vorankommen, ob sie Probleme haben oder wie sie sich im Unternehmen fühlen. Viele im Vorstand einer solchen Firma wollen stets Informationen darüber haben, wie es den Mitarbeitern geht – und das nicht nur beruflich.

Durch die engen Beziehungen untereinander und die insgesamt flachen Hierarchien können die Karrierewege schnell nach oben führen. Vergleichsweise junge Chefs sind daher vor allem in derartigen Firmen zu finden, die sich durch ihre Familientradition auszeichnen.

Video: Teil 1: Die Deutsche Wirtschaft – Deutschlands größte Familienunternehmen

Karriere im Familienunternehmen: Hidden Champions als Perspektive

Viele Familienbetriebe werden als „Hidden Champions“ bezeichnet, denn sie sind in ihrem Bereich der absolute Marktführer, selbst wenn sie einen weniger bekannten Namen tragen als so mancher Großkonzern. Wer sich abseits ausgetretener Pfade versuchen und einen neuen Weg für die Karriere einschlagen will, ist hier gut aufgehoben.

Der Unterschied: Ein Familienbetrieb setzt auf den einzelnen Mitarbeiter, auf dessen Potenzial und Leistungsbereitschaft. In Großkonzernen hingegen gibt es meist feste „Entwicklungsprogramme“ für das Personal, Individualitäten können dabei nicht berücksichtigt werden. Im familiär geführten Betrieb sind die Kommunikationswege kürzer und einfacher – wer den Chef sprechen möchte, hat in der Regel binnen kürzester Zeit die Gelegenheit dazu. Eigeninitiative und Leistung zählen, wer gut in seinem Job ist, bekommt rasch die Möglichkeit zum Aufstieg. Außerdem bekommen Neulinge oft direkt zu Beginn mehr Verantwortung übertragen.

Der Grund: In einem Familienbetrieb muss jedes kleinste Glied funktionieren, hier kann es sich niemand leisten, jemanden zu beschäftigen, der nur Handlangertätigkeiten ausführt. Jeder muss auf seiner Stelle der Beste sein, gleichzeitig müssen alle „Unternehmensglieder“ harmonisch miteinander arbeiten und zusammenarbeiten. Alle Hierarchieebenen arbeiten zusammen, die Mitarbeiter sind meist deutlich engagierter. Sie sehen direkt, welche Auswirkungen ihr Einbringen hat und dass es etwas ändert, ob sie am Arbeitsplatz sind oder nicht. Zudem sind nicht wenige Menschen deutlich leistungsbereiter, wenn sie in einem familiären Umfeld arbeiten.

Die Anonymität in einem Großkonzern scheint Kreativität und Engagement nicht selten zu ersticken. Umgekehrt blühen diese aber auf, wenn die Person auf der passenden Stelle eingesetzt wird.

Während viele Großkonzerne traditionell in der Stadt oder in einem angrenzenden Gewerbegebiet angesiedelt sind, finden sich viele Familienbetriebe in einer eher ländlich geprägten Gegend. (#01)

Während viele Großkonzerne traditionell in der Stadt oder in einem angrenzenden Gewerbegebiet angesiedelt sind, finden sich viele Familienbetriebe in einer eher ländlich geprägten Gegend. (#01)

Karriere auf dem Land? Familienunternehmen außerhalb der Großstädte

Während viele Großkonzerne traditionell in der Stadt oder in einem angrenzenden Gewerbegebiet angesiedelt sind, finden sich viele Familienbetriebe in einer eher ländlich geprägten Gegend. Das muss kein Manko sein, denn nicht wenige Menschen finden das Land deutlich angenehmer als die Stadt – die Anonymität der Großstadt gefällt nicht jedem.

Hier ist jeder ein Individuum und wird auch als solches wahrgenommen, was sich nicht nur beruflich zeigt. Wer der Großstadt für seinen Job den Rücken kehrt und vielleicht sogar das Glück hat, dort eine Stelle zu bekommen, wo andere Urlaub machen, kann seine Freizeit viel bewusster und gesünder verbringen. Sicherlich kommt es zumindest in diesem Punkt aber auf die Einstellung eines jeden Einzelnen an. „Was will ich vom Leben und von meiner Zeit neben der Arbeit?“ Nicht zuletzt sind die Lebenshaltungskosten hier geringer, was sich wiederum positiv auf die finanzielle Betrachtung der eigenen Lage auswirkt.

Jobs im Familienbetrieb bieten nur eine geringe Reputation, die Firmen sind ohnehin nicht international orientiert und die Vergütung ist knapp. Diese und weitere Vorurteile müssen Familienbetriebe bekämpfen, denn sie sind so weit verbreitet, dass kaum jemand noch weiß, wie sie überhaupt entstanden sind. (#02)

Jobs im Familienbetrieb bieten nur eine geringe Reputation, die Firmen sind ohnehin nicht international orientiert und die Vergütung ist knapp. Diese und weitere Vorurteile müssen Familienbetriebe bekämpfen, denn sie sind so weit verbreitet, dass kaum jemand noch weiß, wie sie überhaupt entstanden sind. (#02)

Karriere im Familienunternehmen: Keine Zurückhaltung gefragt

Auch wenn so mancher Familienbetrieb international aufgestellt ist – Zurückhaltung wird hier immer noch gelebt. Doch damit verliert das Unternehmen das Rennen um die Nachwuchskräfte, die als High Potentials von den Großkonzernen „abgefangen“ werden. Langfristig gesehen bleibt ein familiär geführter Betrieb damit auf der Strecke, denn junge Leute, die dazu noch gut ausgebildet sind, sind knapp.

Der Grund: Meist liebäugeln diese zuerst mit den Großkonzernen, da diese eine schnelle Karriere und mehr Gehalt versprechen. Karriere im Familienunternehmen? Dieser Wunsch steht erst an zweiter Stelle, denn viele Absolventen können sich darunter kaum etwas vorstellen. Ein Familienbetrieb gilt als wenig attraktiv, Jobs in großen Unternehmen hingegen scheinen gewinnversprechender zu sein. Eine Ausnahme stellen lediglich die Großfamilienunternehmen dar wie etwa der Bosch-Konzern. Dort sind Jobs heiß begehrt.

Wer jedoch über den Tellerrand schaut und nicht nur beim lokalen Karrieretag stehen bleibt, wird erkennen, dass Familienbetriebe international gut aufgestellt sind. (#03)

Wer jedoch über den Tellerrand schaut und nicht nur beim lokalen Karrieretag stehen bleibt, wird erkennen, dass Familienbetriebe international gut aufgestellt sind. (#03)

Falsche Vorstellungen bei den Bewerbern

Jobs im Familienbetrieb bieten nur eine geringe Reputation, die Firmen sind ohnehin nicht international orientiert und die Vergütung ist knapp. Diese und weitere Vorurteile müssen Familienbetriebe bekämpfen, denn sie sind so weit verbreitet, dass kaum jemand noch weiß, wie sie überhaupt entstanden sind. Wer einmal bei einer Berufsmesse war, weiß allerdings, warum die Vorurteile so überhandnehmen konnten: Auf einem Karrieretag ist kein Kontakt zu Familienbetrieben möglich bzw. nur sehr schwer zu realisieren.

Sie sind einfach gar nicht da! Wer sich über Jobs informieren will und Kontakt zu Unternehmen sucht, muss dann mit dem vorlieb nehmen, was vor Ort ist. Kein Wunder, dass der Eindruck entsteht, familiär geführte Firmen seien verschlossen und würden den Kontakt mit der Außenwelt scheuen. Auf dem Arbeitsmarkt sind sie jedenfalls nur schwer zu entdecken.

Wer jedoch über den Tellerrand schaut und nicht nur beim lokalen Karrieretag stehen bleibt, wird erkennen, dass Familienbetriebe international gut aufgestellt sind. Sie sind auf den Weltmärkten zu finden, teilweise deutlich stärker als auf den heimischen Märkten. Die Informationen darüber fließen nur nicht besonders gut, was es einem Bewerber erschwert, sich ein Bild über die Firmen zu machen.

Übrigens: Auch die Gehälter sind durchaus konkurrenzfähig – schmale Löhne erhalten Berufseinsteiger, doch je nach Verantwortung und Sprung in Richtung Karriere werden diese rasch angepasst.

Familienbetriebe wollen mit den jungen Akademikern besser ins Gespräch kommen und sehen insofern Handlungsbedarf, als dass sie sich in Zukunft besser als Arbeitgeber präsentieren wollen. (#04)

Familienbetriebe wollen mit den jungen Akademikern besser ins Gespräch kommen und sehen insofern Handlungsbedarf, als dass sie sich in Zukunft besser als Arbeitgeber präsentieren wollen. (#04)

Neue Wege für die Karriere im Familienunternehmen

Familienbetriebe wollen mit den jungen Akademikern besser ins Gespräch kommen und sehen insofern Handlungsbedarf, als dass sie sich in Zukunft besser als Arbeitgeber präsentieren wollen. Das muss nicht über den üblichen Karrieretag oder die Berufsmesse sein, sondern über eine Recruiting-Veranstaltung, die auf den persönlichen Kontakt abzielt. Nachwuchskräfte und Firmen kommen sich beim gemütlichen Beisammensein näher und nicht bei einer traditionellen Jobmesse.

So auch beim „Karrieretag Familienunternehmen“, den es bereits seit einigen Jahren gibt und bei dem ca. 25 Firmen rund 400 Nachwuchskräfte einladen, damit sich diese vorstellen können. Darunter sind durchaus weltweit aufgestellte Firmen zu finden, die hier nach neuem und hoch qualifizierten Personal suchen. Wer Kontakt zu diesen Firmen sucht, findet sie also weniger bei Jobmessen, sondern eher auf/in

  • speziellen Branchen-Kontakttagen
  • dem Karrieretag Familienunternehmen
  • einer Branchenbetrachtung im Netz
  • Ausschreibungen in Fachzeitschriften
  • Empfehlungen

Der Zugang zu einem solchen Unternehmen ist daher nicht ganz einfach, hier sind auch kreative Wege gefragt, um an Informationen und Bewerbungsmöglichkeiten zu gelangen.

Video: MOTIVIERENDE Gesprächsführung – mit Worten BEGEISTERN

Was zeichnet ein Familienunternehmen aus?

Familienbetriebe planen meist langfristig – wer hier Karriere machen will, wird dies in einer Firma tun, die schon jetzt Pläne für einige Jahre voraus hat. Der Planungshorizont erstreckt sich teilweise über Generationen – es geht vor allem um den nachhaltigen Geschäftsaufbau und weniger um eine kurzzeitige Gewinnmaximierung.

Ebenfalls interessant: Familienbetriebe weisen eine höhere Quote für das Eigenkapital aus als Nicht-Familienfirmen. Dazu kommt, dass das soziale Verantwortungsgefühl hier meist höher ist, daher sind solche Arbeitgeber auch in Krisenzeiten sicherer für die Mitarbeiter, die weniger stark um ihre Arbeitsplätze fürchten müssen. Hiermit hängt eng das „Wir-Gefühl“ zusammen, was unter anderem daher rührt, dass viele Unternehmer selbst in ihrer Firma tätig sind. Sie erhalten Informationen aus erster Hand und setzen diese zum Wohl der Firma um. Sie sind selbst involviert und auf den Erfolg des Unternehmens angewiesen.

Die Dichte und die Bedeutung der Familienbetriebe in Deutschland liegt deutlich über der in anderen Ländern – rund 90 Prozent der aktiven Firmen gehören zu den Familienbetrieben. (#05)

Die Dichte und die Bedeutung der Familienbetriebe in Deutschland liegt deutlich über der in anderen Ländern – rund 90 Prozent der aktiven Firmen gehören zu den Familienbetrieben. (#05)

Die Motivationsbereitschaft aller liegt hoch, gleichzeitig ist das eigenverantwortliche Arbeiten ein wichtiger Faktor. Beides zusammen ergibt eine gewinn- und erfolgsorientierte Arbeitsatmosphäre, die dennoch von Gemeinschaftssinn und Zusammengehörigkeit geprägt ist.

Die Dichte und die Bedeutung der Familienbetriebe in Deutschland liegt deutlich über der in anderen Ländern – rund 90 Prozent der aktiven Firmen gehören zu den Familienbetrieben. Hier zählen aber natürlich auch die inzwischen zu Konzernen gewachsenen Betriebe mit hinein, zu denen Miele oder Oetker gehören. Eine interessante Zahl, die die „Stiftung Familienunternehmen“ herausgab: Die 500 größten familiengeführten Betriebe in Deutschland sind Arbeitgeber für etwa fünf Millionen Menschen auf der ganzen Welt, der Umsatz beläuft sich hier bei rund einer Billion Euro im Jahr.

Einige dieser Firmen besitzen mehr als 50 Standorte im Ausland, viele bieten ihren Mitarbeitern die Chance, sich auf diese Standorte versetzen zu lassen und so die Welt zu erforschen. Dies ist vor allem für Berufseinsteiger interessant, die noch keine eigene Familie gegründet haben und daher weniger standortgebunden sind. Der (vorübergehende) Wechsel ins Ausland ist daher für viele Jobeinsteiger ein Entscheidungskriterium für einen Familienbetrieb als Arbeitgeber.

Video: Teil 2: Die Deutsche Wirtschaft – Deutschlands größte Familienunternehmen

Fazit: Karriere im Familienunternehmen als Segen oder Fluch

Wer Karriere machen möchte, schaut sich meist bei Jobmessen oder Berufsorientierungstagen um. Doch hier ist nicht alles vertreten, was für die Zukunft interessant ist: Familienunternehmen stellen sich meist dort nicht vor, sondern bleiben bei bestimmten Messen oder Kontakttagen unter sich. Sie sind für ihre Mitarbeiter aber durchaus als Segen zu bezeichnen: Arbeiten in einem familiär geprägten Umfeld, bei dem jeder jeden kennt, sich für den anderen interessiert und wo auch der Chef nachfragt, wie es denn privat und beruflich geht.

Sicher sind hier Unterschiede zu machen und so gibt es Familienbetriebe, die streng genommen gar keine solchen mehr sind, sondern eher den typischen Großkonzernen zuzuordnen sind. Doch auch diese bieten ihren Mitarbeitern klare Hierarchien und Führungsebenen, leichte Aufstiegschancen und eine gute Bezahlung. Lediglich der Aspekt der Anonymität spielt hier eine größere Rolle, vom kleinen, familiär geführten Betrieb sind diese Konzerne längst weit entfernt.

Für viele Bewerber bedeutet die Annahme einer Stelle im kleinen Familienbetrieb erst einmal eine deutliche Überwindung – um dann festzustellen, dass es sich doch um einen Segen handelt, hier arbeiten zu können.


Bildnachweis:©Shutterstock-Titelbild: mavo-#01: Lucky Business  -#02: dotshock  -#03: Monkey Business Images -#04: dotshock -#05: Monkey Business Images

Über 

Marius Beilhammer, Jahrgang 1969, studierte Journalismus in Bamberg. Er schreibt bereits viele Jahre für technische Fachmagazine, außerdem als freier Autor zu verschiedensten Markt- und Businessthemen. Als fränkische Frohnatur findet er bei seiner Arbeit stets die Balance zwischen Leichtigkeit und umfassendem Know-how durch seine ausgeprägte Affinität zur Technik.

Leave A Reply