Karlheinz Schädlich IM Schäfer: Über Verrat, Tod und Sühne

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Es war im Jahr 2007, als sich IM Schäfer alias Karlheinz Schädlich auf einer Parkbank in Berlin mit einem Revolver erschoss. Das ehemalige Stasi-Mitglied spionierte Günther Grass ebenso aus wie seinen eigenen Bruder.

Der Spitzel, der die Menschen verriet

Was ist das für eine Zeit, in der es heißt: „Bruder gegen Bruder“? In der ein Bruder den anderen ausspioniert und versucht, ihn zur Rückkehr in die DDR zu bewegen, doch nicht aus Bruderliebe, sondern im Auftrag der Staatssicherheit? Die DDR hatte sicherlich viele dunkle Geheimnisse und das ist eines davon. Eines, das durch die Presse ging und deutschlandweit für Aufsehen sorgte.

Es war der 16. Dezember 2007, als im Bötzow-Viertel in der Hauptstadt ein Schuss durch den kühlen Abend hallte und sich auf der Parkbank ein alter Mann erschoss. Dieser war kein geringerer als Karlheinz Schädlich, der als IM Schäfer für die Stasi gearbeitet hatte. Einst spitzelte er Günter Grass aus, was aber erst mit Offenlegung der Akten bekannt wurde.

Familie zerstört, Auftrag erledigt?

Karlheinz Schädlich arbeitete insgesamt 14 Jahre lang für die Staatssicherheit und agierte hier unter dem Namen IM Schäfer. Er hatte sogar seinen Bruder Hans-Joachim Schädlich ausspioniert, sagte des Weiteren über die Schwester aus. Er erschlich sich das Vertrauen der Freunde seiner Familie und zerstörte sehenden Auges seine Familie. Dafür bekam er die Verdienstmedaille der Stasi, weil durch seine Aussage ein „operativer Abschluss“ erwirkt worden war.

Interessant ist, dass die Trauerrede eine „Julia“ hielt, eine Frau aus dem Westen, die IM Schäfer von seinem 66. bis zum 76. Lebensjahr begleitet hat. Die selbst vom Verrat nicht betroffen war und gegenüber Menschen sprach, die allesamt eine wichtige Rolle in Schädlichs Spionageleben gespielt hatten. Dabei wusste sie nichts vom Vorleben ihres Karlheinz, der ihr nie von seiner Tätigkeit für die Stasi erzählt hatte.

Sie erzählt, wie sie Karlheinz Schädlich kennenlernte, als sie noch Kellnerin in einer Jazzbar war, in die „Schäfer“ allabendlich kam. Er erzählte ihr spannende Geschichten von Geheimagenten, die sie auch wirklich nur für Geschichten hielt. Die beiden blieben ständig in Kontakt und Schädlich schien es zu genießen, dass die Leute dachten, Julia wäre seine Geliebte. Doch dem war nicht so. Er nahm sie mit auf seine Reisen, zu Vorträgen und Gesprächsterminen. Er erzählte viel von sich, doch längst nicht alles. Und erst heute begreift Julia, dass Karlheinz Schädlich immer nur auf der Suche nach einer Freundin war, der er alles erzählen konnte und die ihn nicht als den Menschen kannte, der er war.

Was ist das für eine Zeit, in der es heißt: „Bruder gegen Bruder“? In der ein Bruder den anderen ausspioniert und versucht, ihn zur Rückkehr in die DDR zu bewegen, doch nicht aus Bruderliebe, sondern im Auftrag der Staatssicherheit? (#01)

Was ist das für eine Zeit, in der es heißt: „Bruder gegen Bruder“? In der ein Bruder den anderen ausspioniert und versucht, ihn zur Rückkehr in die DDR zu bewegen, doch nicht aus Bruderliebe, sondern im Auftrag der Staatssicherheit? (#01)

Die Schwester des Spions

Julia durfte Hannelore Dege erst spät kennenlernen, sie ist die Schwester von Karlheinz Schädlich. Auch sie lebt in der Hauptstadt und das schon seit mehr als 30 Jahren. Sie wurde ebenfalls von ihm verraten, hat aber all die Jahre versucht, sich ihm anzunähern bzw. eine Erklärung von ihm zu bekommen. Erst nach seinem Tod war die Zeit gekommen, seine Alltagsleben wirklich zu begreifen und zu erfahren, wie weit die Tätigkeiten des IM Schäfer eigentlich gingen. Durch die Gespräche mit Freunden und mit Julia wurde für Hannelore Dege allerdings einiges wieder aufgewärmt, was sie längst vergessen geglaubt hatte.

Karlheinz war das älteste Geschwisterkind von vier und Hannelore das jüngste. Gemeinsam spielten sie oft, denn der Junge konnte den Spielen der anderen Knaben nichts abgewinnen. Er las Bücher über Mode und sah in seiner Schwester ein Model, das er fotografieren wollte. Die Mutter der beiden kämpfte in den Nachkriegsjahren allerdings um das Überleben und forderte von dem Jungen, dass er zum Geldverdienen von der Schule abginge. Hier könnte der Ansatzpunkt für seine spätere Rastlosigkeit zu finden sein.

Er war rastlos und arbeitete u. a.

  • in Leipzig als Verkäufer für Lebensmittel
  • im Westen als Erntehelfer
  • in Fürstenwalde im Reifenwerk

und begann dann eine Lehrerausbildung in Ostberlin. Außerdem belegte IM Schäfer ein Fernstudium im Fach Geschichte. Seine Schwester machte fünf Jahre vor ihm das Staatsexamen, seine jüngste Schwester hatte ihn überholt. Zum Zeitpunkt seines Staatsexamens stand die Mauer schon seit vier Jahren. Nun fand er den Aufstieg in die intellektuellen Kreise und promovierte an der Akademie der Wissenschaften.
Die Schwester wurde von Schädlich mit Kleidung und Tonbändern, mit Büchern und anderen Dingen verwöhnt, die er aus dem Westen mitbrachte. Sie wurde Teil der Boheme.

Immer wieder Ärger für IM Schäfer

So oft blickte IM Schäfer dem Ärger ins Auge: Als Lehrer hatte er mit „Christianchen“ angebandelt, diese war zu dem Zeitpunkt minderjährig. Er wollte Pelze aus Polen schmuggeln, fiel damit aber dem Zoll auf. Im August 1968 fuhren russische Panzer in Prag ein, hier unterschrieb Karlheinz Schädlich eine Protestnote. Nach seiner Promotion korrespondierte er mit Philby, den Kontakt musste ihm der KGB verbieten. Dabei machte er sich erpressbar, was ihm eigentlich hätte bewusst sein müssen. Sein Telefon wurde längst abgehört, ob er das aber wusste und ignorierte oder derartig blind war, weiß heute niemand mehr.

So kam er dann zu seiner Stelle als IM Schäfer, die perfekt für ihn geeignet schien. Er konnte forschen und in Archiven stöbern, nach Ungarn reisen und musste nur an zwei Tagen an der Uni sein. Er durfte sich in die Literatur vertiefen und selbst Teil derselben werden, wenn man denn bei der „Sibylle“ (Modezeitschrift) von Literatur sprechen konnte. Schädlich wurde zur schillernden Persönlichkeit.

Doch 1977 verließ sein Bruder die DDR, der längst auf der Spionageliste der Staatssicherheit stand. Angeblich hatte Günter G. ihn dazu aufgefordert, die Verhältnisse in der DDR so schonungslos wie möglich darzustellen. Nun wurde er wegen „staatsfeindlicher Hetze“ genauer unter die Lupe genommen, er wurde „operativ bearbeitet“.

Alles wurde anders

Karlheinz Schädlich hatte sich nicht von seinem Bruder distanziert und so wurde er aus der Partei geworfen. Da ihm das nichts auszumachen schien, brachte ihn Hans Joachim mit Günter G. in Kontakt, der damals oft Berliner Lesungen abhielt. Nachdem dann die Mauer gefallen war, wurde alles anders. Dennoch dauerte es bis zum Winter 1992, bis Hannelore Dege per Anruf von seinen Geheimdiensttätigkeiten erfuhr und außer sich war vor Empörung. Doch Schädlich, der ehemalige IM Schäfer, blieb ruhig und bat sie, ihr Charakterbild von ihm aufzuschreiben. Vielleicht ließe sich so etwas für sein Buch verwenden?

Dies war für die Schwester zu viel und sie zieht sich zurück. Sie erfährt, dass auch sie ein Jahr ums andere unter Beobachtung gestanden hatte und sucht erst nach Jahren wieder Kontakt zu ihrem Bruder.
Bis heute ist nicht ganz klar, ob Schädlich Opfer oder Täter war, denn er sprach kaum über seine Stasi-Zeit und wenn, hatte alles den Hauch einer Kriminalgeschichte. Was war davon wahr und was nicht?

Karlheinz Schädlich trat den Gang in die Psychiatrie an, ein Jahr, bevor er seinem Leben ein Ende setzte. (#02)

Karlheinz Schädlich trat den Gang in die Psychiatrie an, ein Jahr, bevor er seinem Leben ein Ende setzte. (#02)

Bald darauf das Ende

Karlheinz Schädlich trat den Gang in die Psychiatrie an, ein Jahr, bevor er seinem Leben ein Ende setzte. Er versuchte danach, herauszufinden, ob jemand nach seiner Beichte, die er abgelegt hatte, im Gefängnis gewesen sei. Nie fand er einen, der für seine Spionagezeit hätte büßen müssen. Er versuchte Wiedergutmachung bei seinem Bruder und seiner Schwester, doch auch das misslang. Er schrieb an Grass und an einen Redakteur vom Spiegel, doch sein Brief wurde nie gedruckt. Irgendwann war es zu spät, um eine Wiedergutmachung zu verlangen oder auch nur den Wunsch zu hegen, man möge ihm verzeihen.

Seine Schwester sollte ihm einen Tablettencocktail besorgen, weigert sich aber. Sie suchte nach mobilen Diensten und Haushaltshilfen, um ihrem Bruder das Leben zu erleichtern. Sie bekam allerdings nur von ihm zu hören, dass sie wohl enttäuscht werden würde, trotz ihres heldenhaften Einsatzes für ihn.

Am 16. Dezember 2007 rief der ehemalige „Schäfer“ seine Julia an und erzählt ihr, dass er seine eigene Beerdigung im Traum gesehen hätte. Er informierte den Zeitungsboten, dass er eine Weile nicht zu Hause sein würde und die Zeitung doch bitte durch den Türschlitz gesteckt werden möchte. Zu dem Zeitpunkt plante er offensichtlich seinen Tod.


Bildnachweis:©Shutterstock-Titelbild: Sergei Bachlakov  -#01: Korionov -#02: rudall30

Über 

Marius Beilhammer, Jahrgang 1969, studierte Journalismus in Bamberg. Er schreibt bereits viele Jahre für technische Fachmagazine, außerdem als freier Autor zu verschiedensten Markt- und Businessthemen. Als fränkische Frohnatur findet er bei seiner Arbeit stets die Balance zwischen Leichtigkeit und umfassendem Know-how durch seine ausgeprägte Affinität zur Technik.

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