Global Sourcing – Im Mittelstand oft ein Fremdwort

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Wie eine aktuelle Studie der Hochschule Leipzig zeigt, vertrauen Großunternehmen weitaus häufiger auf Global Sourcing als mittelständische Betriebe. Für die Untersuchung „Methoden der globalen Beschaffung“ wurden Einkäufer aus Handels- und Industrieunternehmen befragt. Der deutsche Mittelstand scheint die mit Global Sourcing verbundenen Risiken zu scheuen.

Mittelständische Betriebe und Großunternehmer

Wenn es um die Warenbeschaffung geht, schrecken viele Mittelständler vor dem Ausland zurück. Wie die Datenerhebung der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig sowie des Centrums für Supply Management ergab, werden Waren bei jedem zweiten Betrieb nur bei Bedarf international beschafft. Eine strategische Global-Sourcing Planung ist vielerorts ein Fremdwort. Im Vergleich zu mittelständischen Unternehmen mit deutschem Standort sind die großen Konzerne weitaus risikofreudiger. Von drei Großbetrieben verfügen zwei über einen festen Global Sourcing Plan. Dies geht aus der Studie „Methoden der globalen Beschaffung“ deutlich hervor. Studienleiter Prof. Holger Müller erklärt, dass Global Sourcing nicht nur den Import von ausländischen Waren im Rahmen einer Einkaufsstrategie darstellt, sondern vielmehr das systematische Nutzen und Analysieren des globalen Beschaffungsmarktes. Nach Müller ist der Kostenfaktor nicht allein entscheidend. Zeit, Flexibilität und Qualität würden seiner Ansicht nach als elementare Wettbewerbsfaktoren fungieren und eine wichtige Rolle bezüglich der Lieferantenauswahl spielen. Beim Global Sourcing ginge es zentral darum, den jeweils besten Lieferanten für den individuellen Bedarf zu finden.

Global Sourcing – Schnäppchen auf dem Vormarsch

Der Trend zu Billigware ist präsenter denn je. Restposten erfreuen sich bei Konsumenten zunehmender Beliebtheit. Vor dem Gang in Schnäppchen-Läden schreckt kaum ein Verbraucher zurück. Statt attraktiver Ladenausstattung steht für den Kunden der Preis im Mittelpunkt. Billig muss es sein. Um den Bedarf zu stillen und dem Preismarathon gerecht zu werden, greifen viele Unternehmen auf Massenware aus Asien zurück. China steht dabei ganz oben auf der Agenda der Einkäufer. Ein Beispiel für erfolgreiches Global Sourcing in China bietet der Onlineshop Lesara für Schnäppchen im Bereich Mode, Schmuck, Technik und Wohn- sowie Lifestyle-Artikel. Die Produkte für den Shop beschafft Gründer Roman Kirsch direkt in China. Regelmäßig ist er persönlich vor Ort, um mit den chinesischen Lieferanten zu verhandeln und neue Trends zu entdecken. Mit Lesara konnte der Jungunternehmer dank einer cleveren Einkaufsstrategie bereits Millionen verdienen. Das Wirtschaftsmagazin gruenderszene.de hat sich mit der Thematik „Hauptsache billig“ befasst und auf eine Dokumentation der Sendung Galileo Spezial hingewiesen, die den Internet-Unternehmer Kirsch nach China begleitet hat. Die 50-minütige Doku „Wie funktioniert billig?“ vermittelt Zuschauern interessante Einblicke in den Geschäftsalltag von Kirsch, der die positiven Aspekte von Global Sourcing früh erkannt und für sein Unternehmen genutzt hat.

Wenn Global Sourcing zur Kostenfalle avanciert

Global Sourcing ist jedoch keine Garantie für Einsparungspotenzial und eine preiswerte Warenbeschaffung. Die markanten Kostenvorteile, die mit dem Einkauf von Produkten aus Fernost in der Regel einhergehen, können sich als Kostenfalle entpuppen. Zwar ist Material in China häufig für die Hälfte zu haben als vergleichbare Waren aus Deutschland, aber Faktoren wie Produktionsausfälle und Währungsschwankungen dürfen nicht unterschätzt werden. Stromausfälle und Streiks sind in China keine Seltenheit und treiben viele Abnehmer in den Wahnsinn. Neben Produktionsausfällen können weitere Risiken massive Folgen nach sich ziehen. Auch ein erhebliches Qualitätsrisiko besteht. Sollte die bestelle Ware aus Fernost nicht den gewünschten Vorstellungen entsprechen, wäre folgendes möglich:

  1. die eigene Produktion muss aufgrund fehlender Teile unterbrochen werden
  2. Ersatzlieferungen nehmen möglicherweise Wochen oder gar Monate in Anspruch
  3. Kunden müssen vertröstet werden
  4. wertvolle Stammkunden gehen verloren
  5. als Resultat sinken die Einnahmen und der wirtschaftliche Erfolg leidet

Zusätzlich können aufwändige Verpackungen, die aufgrund des langen Transportwegs unausweichlich sind, die tatsächlichen Ausgaben in die Höhe treiben. Nichtsdestotrotz ergab die Leipziger Studie, dass 85 Prozent der befragten Betriebe in erster Linie die geringen Kosten als Motivation für Global Sourcing betrachten.

Von Chancen und Risiken

Studienleiter Müller betont, dass das Global Sourcing als Einkaufsstrategie interpretiert, nicht „von heute auf morgen geplant, umgesetzt oder wieder aufgegeben werden“ kann. Erst nach ein bis zwei Jahren könnte in der Regel von nachhaltigen Einsparungen profitiert werden. Eine weitere interessante Erkenntnis, die aus der Studie hervorgeht, betrifft die Ressourcen für das Global Sourcing im Mittelstand. Diese fehlen konkret und auch qualifiziertes Personal für die globale Warenbeschaffung stehen oft nicht zur Verfügung. In Großunternehmen seien die Kapazitäten für den Einkauf höher, was einen klaren Vorteil gegenüber dem Mittelstand darstellt. Im Vergleich zu den Nachbarländern sind deutsche Betriebe in Sachen Global Sourcing weit abgeschlagen. Für eine Studie der Kölner Universität in Kooperation mit der Unternehmensberatung Masaï wurden deutsche Unternehmen zum Thema Einkauf befragt. Das Ergebnis: Nur 13 Prozent der Betriebe kaufte zum Zeitpunkt der Befragung vermehrt global ein. „Zum Vergleich: 53 % der französischen und 42 % der spanischen Unternehmen gaben an, mehr als 50 % ihrer Einkäufe im Ausland zu tätigen“, erklärt das Industrieportal industrieanzeiger.de in einem Artikel zum Thema „Chancen und Risiken durch Global Sourcing“. Dennoch steigt das Interesse in Deutschland am Global Sourcing kontinuierlich. Betriebe, welche die Risiken realistisch einschätzen, ihre Ressourcen entsprechend einsetzen und den Mehraufwand für die Entwicklung von effizienten Einkaufsstrategien in Kauf nehmen, können deutliche Nettoeinsparungen erzielen. Fest steht, dass die Potenziale von globaler Warenbeschaffung enorm und den zu Beginn erhöhten Analyse- und Organisationsaufwand wert sind.

Welche globalen wirtschaftlichen Veränderungen bis 2030 zu erwarten sind und wie sich Warenströme langfristig verändern werden, erklärt Bundeswirtschaftsminister a.D. Prof. Dr. Helmut Haussmann im Interview:


Bildnachweis: © pixabay.com – PublicDomainPictures

Über 

Marius Beilhammer, Jahrgang 1969, studierte Journalismus in Bamberg. Er schreibt bereits viele Jahre für technische Fachmagazine, außerdem als freier Autor zu verschiedensten Markt- und Businessthemen. Als fränkische Frohnatur findet er bei seiner Arbeit stets die Balance zwischen Leichtigkeit und umfassendem Know-how durch seine ausgeprägte Affinität zur Technik.

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