Brexit ganz persönlich, die Zweite

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Der Zeitungsverkäufer am Kiosk neben dem Eingang zur Londoner U-Bahn-Station Sloane Square ist ein freundlicher Mann. An sieben Tagen in der Woche hastet die Welt an ihm vorbei in den Bahnhof hinein und heraus; er bleibt äußerlich gelassen. Sein eigener Bewegungsraum bemisst auf ein paar Quadratmeter; die Menschen um ihm herum dagegen eilen in alle Richtungen. Der Mann bekommt unterschiedliche Ströme zu unterschiedlichen Zeiten mit. Sein ständiger Begleiter ist dagegen der Wetterwechsel. Die Spuren in seinem Gesicht erzählen davon. Derzeit dürfte er halbwegs zufrieden sein, steht doch sein bevorzugter Fußballclub im oberen Drittel der englischen Premier League, der höchsten Fußballliga in Großbritannien.

Sein Kiosk ist ein internationaler Treffpunkt. Ein Blick auf das aktuelle Tageszeitungs- und Zeitschriftenangebot bestätigt den ersten Eindruck. Unter die nicht-englischen Medien gelangt schon am frühen Vormittag eine Auswahl der deutschen Qualitätspresse vom selben Tag. Die Preise ändern sich, und so muss der Verkäufer sich vergewissern, ob zum Beispiel die Frankfurter Allgemeine Zeitung immer noch 3,20 Pfund kostet oder mehr oder weniger. Wer ausländische Blätter kauft, gehört nicht zur Laufkundschaft. Der Kiosk umfasst ein breites Angebot aus Europa. Es sind Geschäftsleute und Touristen, die hier ein Stück Heimat mit Händen greifen. Die Zusammensetzung der Kundschaft entspricht praktisch eins zu eins der Vielfalt des Angebotes. Macht sich der Kiosk-Mann Sorgen, dass sich das mit einem Brexit – dem Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Gemeinschaft – ändern könnte? Wir werden ihn beim nächsten Besuch direkt darauf ansprechen.

Wer aus dem Londoner Bankenviertel nur ein paar Busstationen Richtung Norden fährt, aussteigt und die breiten Straßen entlanggeht, befindet sich in einer anderen Welt. Eben noch gestylte Frauen und Männer jüngeren und mittleren Alters, das Business im Kopf, jetzt Menschen mit schleppendem Gang und ärmlicher Kleidung, nach Irgendwo unterwegs, jedenfalls nicht mit großen Geschäften befasst, eher vom mühsamen Alltag gezeichnet. Der Unterschied zwischen denen dort und jenen hier ist frappierend, und der Übergang von der einen in die andere Welt nur innerhalb weniger Minuten vollzogen.

Wer in einer solchen Gegend zum Friseur geht, spart viel Geld. Die Preise sind dem Zahlungsniveau der hier existierenden Menschen angepasst. Das Gleiche gilt für den, der hier ein schnelles Frühstück einnimmt; es ist für London sehr preisgünstig und nicht schlecht. Das Ambiente ist schlicht und ziemlich sauber. Das Tempo des Lebens hat sich verlangsamt. Eilen, hasten, missgelaunt sein: keine Spur. Die Menschen wissen in diesem Viertel – und es gibt mehrere davon in London -, dass sie abgehängt sind; sie begehren nicht auf, weil sie erfahren haben, dass andere schneller, besser, gewiefter, good looking sind, im Vergleich zu sich selbst. Wer dann und wann die Grenze zur Welt der anderen überschreitet, um sich für ein paar Stunden am Wochenende wenigstens das Gefühl zu bewahren, dass es auch anders ginge – so wie einst oder wie einst erhofft -, der wird bei seiner Rückkehr schließlich die bescheidenen Verhältnisse behaglich finden und sich sicher fühlen. Daheim, wo die Nachbarn das gleiche Schicksal teilen. Ein Brexit, sofern der Begriff hier überhaupt bekannt ist, wirkte sich vermutlich unmittelbar auf die Bewohner solcher Viertel aus, je nachdem, wie sich die wirtschaftliche Situation Großbritanniens entwickelt. Es gibt Stimmen, die sprechen von einem zu erwartenden Rückgang der Geschäftstätigkeit, von einem Rückzug international tätiger Banken, Versicherungen und Unternehmen und von deren Umsiedlung in ein Land der Europäischen Union (EU). Es ist klar, dass damit Zweit-, Dritt- und Viert-Jobangebote verloren gingen. Und dann spürte auch die ärmere Bevölkerung hautnah, was Brexit heißt.

Ein anderes Szenario verheißt für das aktive, lebendige London einen wirtschaftlichen Stillstand auf höherem Niveau – also auf längere Sicht einen allmählichen Rückgang von Arbeit und Wohlstand. Die Ärmeren kämen ihrer Verelendung dann schrittweise näher. Ohne Aussicht auf Besserung. Zur Fairness gehört, dass die EU bislang – jedenfalls nach außen erkennbar – kein allgemeines, unmittelbar wirkendes Anti-Verelendungsprogramm aufgelegt hat, das bei den Betroffenen bekannt und anerkannt wurde oder wird. Die Mittel der EU sind unter anderem Handelsrecht, Wettbewerbsrecht, Rechtssicherheit, also Begriffe, mit denen die Leute aus den besagten Vierteln nichts anzufangen wissen, weil zu abstrakt, nicht greifbar und nicht offensichtlich genug. Für das Bestehen der EU wird entscheidend sein, ob es ihr gelingt, sich als Partner der Menschen zu erweisen, die weniger Chancen haben als Begüterte und Begabte. Wer hier jedoch Almosen als dauerhaften Sozialschlichter einzusetzen gedenkt, versündigt sich an einem großen Teil der Bevölkerung, der, als er anfing, einen Weg in die Gesellschaft zu finden, mit kindlichem Elan und jugendlichem Drang gestartet ist, voller Freude und Erwartung auf die vielen Möglichkeiten, von denen er gehört hat. Statt Brexit, europäische Solidarität mit allen benachteiligten Bürgern Europas. Was wäre das für eine Aussicht!

BREXIT Confectionary @ London

BREXIT Confectionary @ London

Die englische Küche wird sich gebessert haben. Davon gehen wir einmal aus. Es sind Hunderttausende von Menschen in den vergangenen Jahren nach Großbritannien (GB) gezogen und haben dort bei vielen einheimischen Bürgern ungute Gefühle ausgelöst. Da machen die Briten keine Ausnahme; da gleichen sie den Bürgern anderer EU-Staaten. Die unguten Gefühle kommen nicht wegen des nunmehr breiteren Angebotes an Speisen und Getränken auf, nein, sicher nicht. Sie kommen auf, weil die Fremden Verhaltensweisen mitbringen, die zum Teil ungebührlich und manchmal auch kriminell zu nennen sind.

BREXIT-Cake

BREXIT-Cake

Doch bleiben wir heute bei den Speisen und Getränken. Unter den vielen Zuwanderern muss eine Gruppe unterrepräsentiert sein: die der begabten deutschen und österreichischen Konditoren. Selbst in feinen und sehr teuren Gegenden Londons zum Beispiel gibt es keine Konditorei, die ihren Namen verdient. Die meisten zu großen und zu teuren und zu bunten Quader von Backwaren sehen auf den ersten Blick manierlich aus, doch spätestens wenn sie auf dem Teller platziert sind, verkommt die Vorfreude zu einem Es-lässt-sich-wohl-nicht-vermeiden. Das klebrige Zeugs ist kaum auf die Gabel zu bugsieren, weil der zähe Teig samt Zuckerguss unteilbar bleibt, sich in die Länge zieht und schief auf der Gabel hängend zum Mund geführt werden muss. Und das Tollste: Niemand scheint sich hieran zu stören. Aus meiner Sicht braucht das britische Bäcker- und Konditoren-Handwerk dringend der kontinentaleuropäischen Nachhilfe. Wer an dieser Stelle GB verschönert, verschönert nach und nach das ganze Land! Ein Brexit wäre schon aus diesem Grund verheerend!


Bildnachweis: © Fotolia – Titelbild, #1, #2 datography

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Über 

Axel Holz, Jahrgang 1949, Geograf und seit mehr als 40 Jahren Journalist, arbeitet überwiegend für lokale und regionale Medien; außerdem schreibt er essayistisch-politische Texte zu verschiedenen Themen. Er hat permanenten direkten Kontakt nach London, eine Stadt, die er mehrfach im Jahr besucht.

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