Brexit ganz persönlich, die Vierte

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Am 9. November 1989 fiel die Berliner Mauer. Am 3. Oktober 1990 war Deutschland wiedervereint und Berlin Hauptstadt. Am 20. Juni 1991 entschied der Deutsche Bundestag, dass Berlin auch Regierungssitz wird. Der bisherige Regierungssitz Bonn wurde „Bundesstadt“ und mit ein paar verbleibenden Bundesministerien getröstet. Erst in diesem Moment, also mehr als anderthalb Jahre später, spürte die einheimische Bevölkerung im Rheinland, dass Wiedervereinigung ist. Menschen, die zum Beispiel in der Osteifel lebten und werktäglich nach Bonn zur Arbeitsstelle pendelten, begriffen erst mit der Bundestagsentscheidung, dass sich für sie ganz persönlich etwas Grundlegendes geändert hatte.

Was hat das mit einem „Brexit“ genannten und noch nicht eingetretenen, doch möglichen geschichtlichen Großereignis zu tun, dem Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Gemeinschaft? Die Menschen hierzulande fragen sich, was kommt auf uns zu, falls der Fall tatsächlich eintritt. Es werden Vorteile und Nachteile gegeneinander abgewogen. Schätzungen, Prophezeiungen und Visionen machen die Runde. Kaffeesatzleserei und wirkliche Sorgen mischen sich zu einem ungewissen Brei. Noch, so beobachte ich es, ist die existenzielle Bedeutung des 23. Juni 2016 nicht bis in die Köpfe und Herzen aller Menschen gedrungen.

Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Koblenz hat in einer Pressemeldung auf die unkalkulierbaren Folgen eines Austritts verwiesen. Immerhin. Die IHK-Meldung lautet wie folgt:

Karina Szwede aus dem Kompetenzteam International der IHK-Arbeitsgemeinschaft Rheinland-Pfalz (#1)

Karina Szwede aus dem Kompetenzteam International der IHK-Arbeitsgemeinschaft Rheinland-Pfalz (#1)

Großbritanniens Premierminister David Cameron droht mit dem Austritt seines Landes aus der Europäischen Union. . . . Die Arbeitsgemeinschaft der rheinland-pfälzischen Industrie- und Handelskammern (IHKs) weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die Ausstrahlung eines „Brexits“ für den gesamten EU-Markt nicht kalkulierbar ist und dieser neben allen globalen Herausforderungen einen weiteren Unsicherheitsfaktor für die rheinland-pfälzischen Firmen bedeuten würde. Karina Szwede (Foto) aus dem Kompetenzteam International der IHK-Arbeitsgemeinschaft Rheinland-Pfalz erläutert die möglichen Folgen für die heimische Wirtschaft: „Für die rheinland-pfälzischen Unternehmen wäre ein wichtiges Exportland außerhalb des Binnenmarktes zunächst einmal ein Kostenfaktor. Die Unternehmen müssten mögliche Zölle oder andere Standards auf dem britischen Markt in ihre Kalkulation mit einbeziehen.“ Sollte Großbritannien den Binnenmarkt verlassen, so Szwede weiter, müssten die Unternehmen wieder Zölle entrichten, und Großbritannien müsste neue Abkommen mit den EU-Ländern verhandeln. Blickt man auf die aktuellen Zahlen zum Handel zwischen Rheinland-Pfalz und Großbritannien, so ist im Zeitraum Januar bis November 2015 ein Zuwachs beim Export zu erkennen. Waren im Wert von rund 3,2 Milliarden Euro wurden aus Rheinland-Pfalz nach Großbritannien geliefert – was im Vergleich zum entsprechenden Vorjahreszeitraum einen Anstieg von 3,2 Prozent bedeutet. Mit einem Anteil von 6,7 Prozent an den Gesamtausfuhren belegt Großbritannien den vierten Platz – nach Frankreich, den USA und den Niederlanden, den wichtigsten Bestimmungsländern der rheinland-pfälzischen Wirtschaft. In umgekehrter Richtung wurden Waren im Wert von rund 1,1 Milliarden Euro aus Großbritannien nach Rheinland-Pfalz eingeführt, damit belegt das
Königreich den zehnten Platz mit einem Anteil von 3,6 Prozent an den
gesamten Importen.
“ (Ende der Pressemeldung)

Unterstellt, dass jeder Einkauf aufgrund eines Bedarfs erfolgt, dann ist – gemessen nur an den rheinland-pfälzischen Zahlen (Januar bis November 2015) – der Bedarf Großbritanniens an Waren aus Rheinland-Pfalz etwa dreimal so hoch wie umgekehrt, an Waren aus Deutschland knapp doppelt so hoch. Der Wert der insgesamt zwischen Deutschland und Großbritannien gehandelten Waren betrug 2013 rund 118 Milliarden Euro, ein gutes Drittel (42,3 Milliarden) entfiel auf GB, knapp zwei Drittel (75,6 Milliarden) auf Deutschland (Quelle dieser und folgender Zahlen: Statistisches Bundesamt, Wiesbaden). Karina Szwede kann sich vorstellen, dass die vom Geschäft mit GB betroffenen deutschen Unternehmen schon einmal probehalber höhere Kosten für Einfuhrzölle kalkulieren könnten, um zu sehen, ob und bis wann sich die eigene Wettbewerbsfähigkeit auf dem britischen Markt noch darstellen ließe. Von meiner Seite aus füge ich ein Szenario an, dass sich lustiger liest, als es gemeint ist: In den kontinentaleuropäischen Autokonzern-Zentralen werden heute schon auf Verdacht Großanzeigen und Werbeslogans entworfen, die in den britischen Brüll-Medien erscheinen sollen. Darin verabschieden sich diese Konzerne höflich und dankbar von ihrem britischen Kundenstamm; sie verweisen darauf, dass aufgrund der hohen Luxuszuschläge für Standardmarken von VW, Renault, Citroen, Ford, Fiat, Audi, Mercedes und BMW die jetzt zu fordernden Verbraucherpreise den Kunden nicht mehr zumutbar sind und sie – die Kunden – doch bitte auf Bentley, Bugatti, McLaren und Rolls Royce umsteigen mögen.

Der Wert der exportierten „Kraftwagen und Kraftwagenteile“, des größten Brockens unter den deutschen Ausfuhren nach GB, betrug (2013) fast 21 Milliarden Euro; in der Gegenrichtung waren es in derselben Branche 5,2 Milliarden Euro. Die Zahlen zeigen, was auf dem Spiel steht. Wenn dann die negativen Folgen eines „Brexit“ spürbar werden, und das kann nach der Erfahrung einige Zeit dauern, dann wird wohlmöglich der Impuls geweckt, es den Briten mal zu zeigen, was eine Harke ist. Sollen sie doch auf ihrer Insel verkümmern und verhungern, unsolidarisch und selbstsüchtig wie sie sind! Eine solche Entwicklung bis zum Ende weitergedacht führt mal wieder in Elend, Krieg, Mord und Totschlag. Das wird ein Spaß!?

Blicken wir nicht aus deutscher, sondern aus europäischer Sicht auf das wirtschaftliche Geschehen, dann bekommen die Zahlen noch größere Wucht. GB exportierte (2014) Waren und Dienstleistungen im Wert von 281 Milliarden Euro in die EU und importierte für 361 Milliarden aus der EU (Quelle: Office für National Statistics). Ein großer EU-weiter Binnenmarkt behielte seine Attraktion selbst dann, wenn große Märkte in Asien und der russische Markt in absehbarer Zeit schwächelten oder ganz ausfielen. GB bliebe bei einem „Brexit“ außen vor und hätte keinen direkten politischen Einfluss auf die EU.

Heinrich Hoffmanns Geschichte vom Suppen-Kasper im Buch „Struwwelpeter“ beginnt mit: „Der Kaspar, der war kerngesund, ein dicker Bub und kugelrund.“ Und dann: „Ich esse meine Suppe nicht! Nein, meine Suppe ess‘ ich nicht!“ Sie endet mit: „Und am fünften Tage war er tot.“ Die Gründe für den Umschwung des Verhaltens des Jungen, bleiben im Dunkeln seiner Seele verborgen und werden nicht berichtet. Interpreten sehen hier Parallelen zu einem sich selbst erziehenden Bürgerhaus im 19. Jahrhundert. Die Geschichte ist in Großbritannien bekannt; sie könnte eine Warnung sein, an alle, brauchbare Zustände ohne Not ändern zu wollen. Außerdem: Sollte das Beispiel Schule machen und sollten nach und nach andere Länder folgen – Plexit, Itexit, Frexit, Spexit und so weiter -, wäre die EU bald mausetot. Wehret den Anfängen, wehret einem „Brexit“!


Bildnachweis: © pixabay.com – Titelbild Hans, #1 Karina Szwede

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Über 

Axel Holz, Jahrgang 1949, Geograf und seit mehr als 40 Jahren Journalist, arbeitet überwiegend für lokale und regionale Medien; außerdem schreibt er essayistisch-politische Texte zu verschiedenen Themen. Er hat permanenten direkten Kontakt nach London, eine Stadt, die er mehrfach im Jahr besucht.

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