Brexit ganz persönlich, die Sechste

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Die bisherigen Betrachtungen zum „Brexit“ – dem möglichen Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union – gingen von verschiedenen Sichtweisen aus. Mal standen die persönlich-politischen Einschätzungen im Vordergrund, mal eigene Erfahrungen, die große und die kleine Geschichte, die Wirtschaft sowie zwei Standpunkte eines deutsch-englischen Freundschaftskreises. Jetzt soll einmal die eigene Phantasie zu Wort kommen. Dabei ist klar, dass die wiederum nicht aus der Luft gegriffen ist, sondern immer an eine konkrete Person gebunden bleibt. Doch warum nicht scheinbar Unvereinbares in Einklang bringen?

Es beginnt sehr handfest. Es gibt in der Psychotherapie eine umstrittene und stark kritisierte Methode: die Festhaltetherapie von Jirina Prekop. Nun, therapeutische Methode stehen immer in der Kritik, vor allen bei denen, die selbst nicht daran verdienen können und um die eigenen Pfründe bangen. Diejenigen, die sie anwenden und sie hautnah erfahren, wie sie hilft oder wirkt, wissen wovon sie reden. Was ist die Festhaltetherapie? Zwei Erwachsene blicken einander an, halten sich – aggressionsfrei natürlich – in bequemer Haltung fest und lassen sich vorerst nicht mehr los. Es wird nicht lange dauern, dass der Wunsch aufkommt, wieder losgelassen zu werden. Doch es bleibt (vorerst) beim Festgehaltensein. Gefühle drängen hervor, Angst, Wut, Neid und andere mehr. Wer zum Beispiel Bindungsängste hat – und wer hat die nicht? – wird sich befreien wollen, will nur einfach weg und wieder losgelöst sein. Doch: Es wird weiter festgehalten. Im Laufe der Zeit – es kann zwei, drei Stunden dauern – fließen Ängste oder andere den Menschen beherrschende Gefühle nach und nach ab und stattdessen keimen Zufriedenheit, Geborgenheit und ein Gefühl der Sicherheit auf. Die neue Erfahrung lautet: Obwohl der festgehaltene Partner ständig ausbrechen wollte, blieb er in sicherer Haltung fest, stürzte nicht ab, wurde nicht fallengelassen. Eine heilsame Paradoxie: Ich will nicht gehalten werden, doch wehe du lässt mich los!

Lässt sich der Grundgedanke der Festhaltetherapie auf das Verhältnis Europäische Gemeinschaft zu Großbritannien übertragen? Also, EU-Freunde und GB-Fans halten einander so lange fest, bis beide Seiten erfahren haben, dass sie zueinander gehören. Einwände lassen wir nicht zu oder gar gelten! Wo ein Wille ist, da ist ein Weg, heißt es. Die EU kann GB dauerhaft und bis zum endgültigen Begreifen zugewandt bleiben sowie immer wieder auf das Verbindende hinweisen, selbst wenn viel Trennendes geschehen ist, das die Gegenwart prägt. Im Loslassen entfaltet die Therapie ihre unermessliche Wirkung: Du bist frei und eigenständig und zugleich deiner Zugehörigkeit zur Gemeinschaft gewiss! Ein „Brexit“ – und wir schreiben das hässliche Wort jetzt nur noch in Anführungszeichen – wäre fatal, weil der Vorgang des Gehaltenwerdens nicht mehr zu Stande käme und die beschriebene Methode Theorie bleiben müsste.

Themenwechsel. Was haben das Vereinigte Königreich von Großbritannien und Nordirland, die Isle of Man, Guernsey, Jersey, Irland, Malta und Zypern gemeinsam? Richtig, sie alle fahren auf der falschen Seite Auto! Linksverkehr. Ein Begriff mit abschreckender Wirkung für viele Festlandfahrer, die in der Welt noch nicht herumgekommen sind. Allerdings, wer es ausprobiert hat, sich nicht einschüchtern ließ und mutig mit einem für den Rechtsverkehr ausgestatteten Wagen in England und Irland Linkskurven durchfuhr, bei dem wird wieder das Gespür wachgerufen, wie aufregend Autofahren sein kann! Man sieht in solchen Kurven viel weniger, fast nichts von dem, was auf einen zukommt. Der Gegenverkehr ist ungewohnt weit rechts von einem und auf den im Allgemeinen schmalen Straßen GBs doch so unverhofft nah. Jedes Mal ein leichtes Aufatmen, wenn die Fahrzeuge sich nicht berührt haben. Auch das ist Europa! Ein belebendes Element! Große Teile der übrigen Welt fährt links! Und kommt ans Ziel! Eigentlich nicht zu begreifen. Ein „Brexit“ nähme dieser Erfahrung den Charme und machte Europa provinzieller als es sein müsste.

Das nächste Thema ist mühsamer. Britische Maßeinheiten sind für vernünftig denkende Menschen ein Gräuel. Eine Auswahl: inches, feet, yards, miles, acres, fluid ounces, pounds, short tons, pints, quarts, gallons. Alles krumme Dinger! Das schöne metrische Maß, leicht zu handhaben und auch für Rechenschwache zu beherrschen, weltweit bestens eingeführt, erprobt, bewährt und anerkannt! In GB gilt ‚was anderes. Warum es sich einfach machen, wenn es auch britisch geht? Das permanente Umrechnen, der bange Blick auf den Tacho des (Festland)Autos, die stete Unsicherheit, ob das vor Ort geltende Maß eingehalten wurde: Immer ist für den Festlandeuropäer alles anders im britischen Alltag. Nun gut, wir wollen uns daran erinnern, dass eine stete kleine tägliche Mühsal dazu beiträgt, uns länger wach und rege zu halten wie das immerwährende Übliche. Ein Besuch in GB ist insofern ein aktivierender Erholungsaufenthalt. Ein „Brexit“ wäre demnach schlecht für alle Beteiligte, weil es auf Sicht gesehen, die Leute auseinander bringt, statt näher zusammen, und weil die wechselnden Erfahrungswelten weniger oft aufgesucht und bewusst geschätzt würden.

Und noch ein Thema. Hunderennen. Wer hat schon eines gesehen? Gehört davon? Sicher doch. In Deutschland soll es auch welche geben, für ganz spezielle Tierfreunde und Wettenthusiasten. In England (und Irland) sind sie eine gute, gepflegte Tradition. Statt die Tiere an der Leine herumzuführen, werden sie freilaufend im Kreis und in Bahnen gehalten. Auf Sieg und Platz! Es gäbe seit ein paar Jahren die Möglichkeit, den Euro-Tunnel für ein paar Stunden Zweck zu entfremden und die Hunde um Rekorde und Preisgelder laufen zu lassen – mit ein paar Zwischenstopps und Verpflegungsstationen natürlich, schon allein um den keifenden Tierschutzfreunden das Maul zu stopfen. Klassifiziert nach Rasse, Alter und Geschlecht ließen sich ganze Heerscharen von Spektakelfans anlocken und zu einem Wetteinsatz verleiten. Das mit den Maßeinheiten müsste, na klar, vorher geregelt werden. Dafür hätten wir ja die EU. Die gäbe vermutlich allein schon wegen ihrer Größe das Maß vor. Weshalb die Tiere mit zweierlei Maß verwirren? Die Möglichkeiten der Gemeinschaft – einschließlich GB – sind bei Weitem nicht ausgeschöpft.

Ein „Brexit“ entmutigte die Phantasie, sich weiter anzustrengen und neue Welten zu entdecken. Ein Jammer für viele Zeitgenossen und ein Schaden für alle! Wer sich und seine Vorstellungen entwickeln möchte, sollte sich des Themas annehmen, einen Austritt GB aus der EU in die Kanalisation spülen und mit Freude auf ungeahnte Erlebnisse mutig vorangehen!


Bildnachweis: © Fotolia – Imaginis

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Über 

Axel Holz, Jahrgang 1949, Geograf und seit mehr als 40 Jahren Journalist, arbeitet überwiegend für lokale und regionale Medien; außerdem schreibt er essayistisch-politische Texte zu verschiedenen Themen. Er hat permanenten direkten Kontakt nach London, eine Stadt, die er mehrfach im Jahr besucht.

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