Soziale Netzwerke: Darf man die Freundschaftsanfrage vom Chef ablehnen?

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Kann sich jemand heute das Leben ohne Facebook, Twitter und Co. vorstellen? So ganz ohne das Teilen von Videos und Bildern, ohne Kurzmeldungen von aktuellen Tätigkeiten oder Schnappschüssen aus dem Urlaub? Wohl kaum und das ist auch nicht schlimm. Ein Problem wird es erst, wenn der Chef eine Freundschaftsanfrage schickt.

Hilfe, mein Chef will mein Freund sein!

Frau Schüler ist Sekretärin in einer Rechtsanwaltskanzlei. Das Team dort ist jung, der Chef nicht viel älter als die Angestellten. Während Frau Schüler im Büro dennoch konservativ auftreten muss, ist sie im Privaten eher flippig, agiert fleißig in den sozialen Netzwerken und teilt munter Bilder und Videos mit ihren Freunden. Nun bekam sie jedoch eine Anfrage ihres Chefs, der gern auf Facebook mit ihr befreundet sein möchte.

Jetzt fragt sie: „Was soll ich nur tun? Ich will ihn nicht vor den Kopf stoßen, aber doch auch nicht mein Privatleben mit ihm teilen. Manche Bilder sind nicht für die Augen eines Chefs bestimmt und meine Art von Humor ist sicher nicht seine. Außerdem trenne ich Berufliches und Privates strikt voneinander. Hilfe!“

Darauf antwortet der Experte Folgendes:

Früher einmal waren Beruf und Privatleben komplett voneinander getrennt, was heute nicht immer möglich ist. Die Grenzen zwischen beiden Bereichen schwinden, was nicht nur auf den zeitlichen Aufwand für den Beruf zurückzuführen ist, sondern auch auf die ständige Vernetzung und Erreichbarkeit via Smartphone und sozialer Medien. Während im wahren Leben leicht auszuwählen ist, wer ein Freund sein kann und wer nicht, stellen bei Facebook und Co. plötzlich die Freunde der Freunde eine Freundschaftsanfrage.

Solange es sich um Fremde handelt, ist die Ablehnung der Anfrage noch schwer. Aber was, wenn es der eigene Chef ist, der sich hier meldet? Dann brauchen Sie eine angemessene Strategie. Passen Sie die Bilder und Videos oder auch Ihre eigenen Gedanken der Freundesliste an. Für jeden auf der Liste müssen diese Dinge geeignet sein, ansonsten sollten Sie sie nicht teilen. Beantworten Sie Freundschaftsanfragen von Menschen, mit denen Sie nicht virtuell befreundet sein möchten, höflich und lehnen Sie eindeutig ab. Bitten Sie dabei um Verständnis, dass Ihr Account nur für die private Nutzung gedacht ist.

Wichtig: Damit Sie niemanden vor den Kopf stoßen – am allerwenigsten ausgerechnet den Chef! – sollten Sie eine öffentliche Facebook-Seite einrichten, zu der Sie einladen. Oder Sie richten von Anfang an einen zweiten Account ein, über den Sie keine allzu privaten Dinge oder gar Ihre Meinung über Arbeitskollegen und Vorgesetzte mitteilen. Vielleicht bietet sich auch die Verlinkung zu Ihrem LinkedIn-Account an.

Video: Soziale Netzwerke (zdf doku social media)

Ein Dilemma für die Nation

Experten gehen davon aus, dass in Deutschland rund 26 Millionen Menschen Facebook nutzen, rund sieben Millionen sind es auf Xing. Eine Million Bürger nutzt Twitter und auf Platz eins liegt ungeschlagen WhatsApp mit etwa 37 Millionen Nutzern. So viele Menschen, die die sozialen Netzwerke nutzen – klar, dass es hier früher oder später zu Überschneidungen von Beruf und Privatleben kommen muss. Schon längst lassen sich die Grenzen zwischen beiden Lebensbereichen nicht mehr so exakt ziehen wie früher einmal, als es noch hieß: „Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps.“

Doch während es für die meisten Nutzer kein Problem ist, wenn ein Arbeitskollege eine Anfrage schickt, so sieht die Sache mit dem Chef schon anders aus. Was, wenn er sich vor den Kopf gestoßen fühlt, weil Sie bestimmte Bilder liken oder teilen? Oder möchten Sie vielleicht gar nicht, dass Ihr Chef weiß, was Sie nach Dienstschluss tun? Sobald er auf der Freundesliste steht, ist Ihre Privatsphäre deutlich eingeschränkt, zumindest, wenn Sie alle Inhalte wie gewohnt teilen.

Eine Lösung kann darin bestehen, den Personenkreis genau zu definieren, der die üblichen Inhalte zu sehen bekommen soll. Teilen Sie die Freunde dann in Gruppen ein – während eine Gruppe das lustige Video von der letzten Samstagsparty zu sehen bekommt, enden die neuen Meldungen für die andere Gruppe bei der geteilten Schlagzeile aus den Nachrichten der Region am Freitag.

Gern wird zur amerikanischen Sitte übergangen und es werden pauschal einfach alle Menschen geduzt. Das ist nicht richtig und für berufliche Kontakte absolut fehl am Platze. Fragen Sie sich daher immer, ob Sie die betreffende Person auch im wahren Leben duzen würden. (#02)

Gern wird zur amerikanischen Sitte übergangen und es werden pauschal einfach alle Menschen geduzt. Das ist nicht richtig und für berufliche Kontakte absolut fehl am Platze. Fragen Sie sich daher immer, ob Sie die betreffende Person auch im wahren Leben duzen würden. (#02)

Du oder Sie?

Gern wird zur amerikanischen Sitte übergangen und es werden pauschal einfach alle Menschen geduzt. Das ist nicht richtig und für berufliche Kontakte absolut fehl am Platze. Fragen Sie sich daher immer, ob Sie die betreffende Person auch im wahren Leben duzen würden. Nein? Dann sollten Sie das auch nicht machen, nur weil Sie mit dieser Person via Facebook oder Xing kommunizieren. Hier bleibt es dann bei der Höflichkeitsform „Sie“, die sich auch in den Anrede- und Grußformeln widerspiegelt.

Warten Sie immer darauf, dass Ihnen Ihr Gegenüber das „Du“ anbietet, wobei als Faustregel die Dame oder die ältere Person bzw. der Kunde in der Position ist, von der Höflichkeitsform in die vertraute Du-Form zu wechseln. Achten Sie darauf, mit wem Sie wie sprechen, denn die Kommunikation aus den sozialen Medien hat spätestens dann reale Auswirkungen, wenn Sie der Person gegenüberstehen. Im schlimmsten Fall ist das schon am nächsten Tag im Büro soweit und wer möchte seinem Chef noch in die Augen sehen, nachdem er ihn am Vortag geduzt und überaus vertraulich mit ihm gesprochen hat?

Video: Soziale Netzwerke – Auch für Unternehmen sinnvoll – Social Media Marketing – Erklärvideo

Privatsphäreeinstellungen anpassen

Business-Knigge-Fachleute sind der Meinung, dass es in Ordnung ist, Freundschaftsanfragen abzulehnen, auch wenn sie direkt vom Chef kommen. Allerdings sollten Sie nicht einfach nur auf „Ablehnen“ klicken, sondern eine Erklärung dazu liefern. Schlagen Sie die oben bereits genannten Alternativen vor und achten Sie darauf, dass die Zeilen wirklich persönlich und nicht nach Massenabfertigung klingen.
Als Faustregel gilt, dass Sie in den sozialen Medien bzw. in Ihrem beruflich genutzten Account (zu einem solchen wird Ihr Konto, sobald Sie Kollegen oder gar den Chef auf der Freundesliste haben) keine Inhalte teilen sollten, die Sie nicht auch in einem Bewerbungsgespräch offen kundtun würden.

Hier kommt es auf die Einstellungen der Privatsphäre an – teilen Sie nur das mit allen Freunden oder öffentlich, was Sie auch wirklich vertreten können. Alles, was im beruflichen Umfeld nichts verloren hat, wird nicht mehr geteilt bzw. nur noch mit einer fest definierten Gruppe von Freunden. Ganz wichtig: Klicken Sie die Funktion „Markieren bestätigen“ unbedingt an. So erfahren Sie direkt, wenn Sie jemand markiert hat, und können im Fall des Falles auf eine Aussage oder Meinungsäußerung reagieren.

Viele Arbeitnehmer wissen gar nicht, dass sie gegenüber dem Chef zu Treue und Loyalität verpflichtet sind – das gilt auch für soziale Netzwerke und die Tätigkeiten dort. (#02)

Viele Arbeitnehmer wissen gar nicht, dass sie gegenüber dem Chef zu Treue und Loyalität verpflichtet sind – das gilt auch für soziale Netzwerke und die Tätigkeiten dort. (#02)

Soziale Mediennutzung als Vorgabe vom Chef

Nun mag manch einer sagen, dass das Löschen des privaten Accounts doch die einfachste Lösung sei, wenn schon alles so kompliziert zu sein scheint. Doch eine Lösung ist das nicht wirklich, denn wer keinen Account hat, macht sich heutzutage schon fast verdächtig. Außerdem wird gerade WhatsApp immer stärker auch beruflich genutzt und sogar eingefordert. Abstimmungen erfolgen darüber und auch berufliche Informationen werden über das Netzwerk ausgetauscht. Wer sich nicht selbst von diesen ausschließen möchte, muss handeln und einen Account einrichten.

Fordert der Chef explizit die gemeinsame Nutzung der WhatsApp-Gruppe, muss er allerdings auch ein Diensthandy stellen. Denn die Nutzung des privaten Handys darf er nicht einfordern – allerdings kommt es hier wieder auf den Einzelfall an. Wer privat ein Smartphone nutzt und der Chef bittet um Anmeldung in der Büro-Gruppe – wer wird sich dem schon verweigern, wenn er den Chef nicht unbedingt verärgern möchte?

Video: Angeklickt: Soziale Netzwerke

Von Treue und Loyalität

Viele Arbeitnehmer wissen gar nicht, dass sie gegenüber dem Chef zu Treue und Loyalität verpflichtet sind – das gilt auch für soziale Netzwerke und die Tätigkeiten dort. Daher ist es wichtig, jedes Wort auf die Goldwaage zu legen, auch dann, wenn es gegenüber Freunden geäußert wird. Niemand weiß genau, ob nicht genau das eine schlechte Wort doch den Vorgesetzten erreicht, denn die Wege im Netz sind oft unergründlich. Das Recht auf freie Meinungsäußerung bleibt bestehen, das schließt aber nicht ein, dass der Chef diskreditiert werden darf.

Natürlich dürfen Arbeitnehmer Tatsachen darstellen und eine sachliche Kritik anbringen, doch eine Kritik am Chef wird in den meisten Fällen zum Problem werden, sobald dieser davon erfährt. Gerade im Netz ist es von immenser Wichtigkeit, immer erst zu denken und dann zu handeln – ein Account ist schnell gelöscht, auch eine Meinung ist rasch geäußert. Das Internet ist aber ein besonders schneller Kommunikationsweg und die betreffende Äußerung hat schneller die Ohren bzw. die Augen der Person erreicht, die sie nicht erfahren sollte, als sich manch einer vorstellen kann.

Grundsätzlich gilt daher, dass Sie sich vor der Veröffentlichung von Inhalten in sozialen Medien fragen sollten, ob Sie die gleichen Inhalte auch dann laut äußern würden, wenn Sie der betreffenden Person Auge in Auge gegenüberstehen. Die Annahme, dass das Netz anonym sei, stimmt so nicht – schon manch einer hat sich mehr Anonymität gewünscht und wurde doch mit Bekanntheit und Vertrautheit konfrontiert (und gestraft).


Bildnachweis:©Shutterstock-Titelbild: goodluz -#01: FuzzBones-#02: Ndr3000_

Über 

Sabrina Müller, geboren 1982 in Berlin, ist inzwischen Mutter von drei Kindern. Eigentlich wollte sie gar nicht so viele Kinder. Nachdem ihre erste Tochter jedoch wirklich pflegeleicht war, haben sich Sabrina und ihr Mann für weitere Kinder entschieden. Konnte ja keiner wissen, dass auf pflegeleicht nicht immer auch wieder pflegeleicht folgt. Nach der ersten Tochter folgten noch ein Mädchen und ein Junge. Ihre Rasselbande füllt Sabrinas Leben derzeit aus. Neben der Betreuung der Kinder engagiert sich Sabrina auch im Kindergarten und näht und bastelt gerne.

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